Lesetipp

Schmetterlingstango

Ein Vater schreibt über seine totgeborene Tochter und macht Mut mit den Erinnerungen weiterzuleben und zu hoffen.

Buchcover zu Schmetterlingstango. Leben mit einem togeborenen Kind. Zu sehen sind zwei blauschwarze Schmetterlinge
Georg Magirius widersetzt sich der Ansicht, sein Sternenkind loslassen zu müssen © Claudius Verlag München

Hier findet ihr eine Leseprobe aus dem Buch "Schmetterlingstango. Leben mit einer totgeborenen Tochter":

„Wo wollt ihr sie begraben?“, fragt die Hebamme, als die Wehen einmal Pause machen und wir noch nicht wissen, welches Gesicht das Kind hat, das in paar Tagen in der Erde zu verschwinden hat. Denn bringt ein nicht lebendes Kind mehr als 499 Gramm auf die Waage, gilt die Bestattungspflicht. Selbst wenn wir es gewollt hätten, hätten wir nicht so tun können, als ob es dieses mehr als drei Kilogramm wiegende Wesen nicht gegeben hätte. „Auf dem Waldfriedhof in Aschaffenburg gibt es ein Grabfeld für nicht lebend geborene Kinder“, erklärt uns die Hebamme. Rasch freunden wir uns damit an: ein Unterschlupf im Wald, dazu in einem Bundesland, das Odenwald, Spessarts und den – sonst würde er nicht so heißen – Bayerischen Wald umfasst? Warum nicht.

Erfahrung damit, ein Kind zu begraben, haben wir noch nicht gesammelt. Schon der Kauf von Kinderbett, Kinderwagen, Kindersitz ist für uns neu gewesen. Ein Kind einfach so begraben, lerne ich rasch, geht nicht. Man benötigt eine Bescheinigung: dass es da ein Kind gibt beziehungsweise gegeben hat. Ich rufe beim Standesamt an. „Gestern ist meine Tochter geboren worden, die nicht lebt“, erkläre ich. „Wie kann ich eine Sterbeurkunde bekommen?“ Was ich wolle, gebe es nicht, sagt die Sachbearbeiterin. Ich solle einmal logisch denken. Also: Gelebt habe meine Tochter nicht. Folglich könne sie – na, dämmert es? – auch nicht gestorben sein: „Eine Sterbeurkunde erhalten Sie nicht.“

Ich habe demnach, versuche ich zu folgern, die amtlich erlassene Pflicht, ein mehr als 499 Gramm schweres Objekt zu begraben, auch wenn es nicht gestorben ist, weil es nämlich nie lebendig war. Während ich mich in die Logik der Standesbeamtin eindenke, strampelt kurz der Gedanke dazwischen: Habe ich aber nicht den Herzschlag dieses Wesens gehört, das niemals gelebt hat? Ich rufe mich zur Ordnung und gestehe meine Unkundigkeit in Bezug auf die passende Urkunde ein: „Aber eine Bescheinigung muss es doch geben?“ Jetzt übernimmt die Beamtin die Gesprächsführung, um Klarheit in den Nebel zu bringen. Sie stellt Fragen, die ich mit nichts anderem als Ja oder Nein zu beantworten habe. Nachdem ich die Prozedur durchlaufen habe, ist sonnenklar: „Wir können eine Bescheinigung über ein tot geborenes Kind ausstellen.“ Denn: Tot kann ein Kind sein, auch wenn es nicht gestorben ist. „Halten Sie zehn Euro bereit!“, verabschiedet sich die Logiklehrerin.


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Georg Magirius ist Theologe und Schriftsteller. Nach seiner Ausbildung zum Pfarrer machte er sich 2000 mit seiner Heilspraxis selbstständig. Seine Erzählungen und Reportagen werden unter anderem in Deutschlandfunk und im Bayerischen Rundfunk gesendet. 2009 gründete er die Reihe GangART, eine Reihe fortlaufender spiritueller Wanderungen. Sein Buch "Schmetterlingstango. Leben mit einem totgeborenen Kind“ ist im Münchner Claudius Verlag erschienen.

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